Ein Punk Manifest
Eine Essay von Greg Graffin
März 2002

Ich habe bisher weder eine Plattenfirma besessen, noch einen erfolgreiche Merchandise-Vertrieb. Ich behaupte also nicht, ein Experte zu sein. Ich bin durch mein Handwerk des Songschreibens vorangeschritten, jedoch haben andere meine Lieder vermarktet und häppchengerecht für den Konsum verpackt.

Das Geld, das ich durch den Punk verdient habe, ist kein Vermögen, wenn man den Anteil für die Vermarkter abzieht, die den Punk als ein Produkt verkaufen. Es war schon immer mein Weg, den Punk von seinen modischen, leichtherzigen und impulsiven Zügen zu befreien, die manche mit ihm verbinden. Denn Punk ist viel mehr als das. So viel mehr, dass diese Züge im Licht der Erfahrungen, die alle Punker teilen, trivial erscheinen.

Da Punk mein halbes Leben ein Teil von mir ist, denke ich, dass es Zeit ist, mich an eine Definition heranzuwagen, in dessen Prozess ich das beständige gesellschaftliche Phänomen verteidige, das als Punk bekannt ist. Es ist schon erstaunlich, dass etwas mit so viel emotionaler und interkultureller Tiefe so lange undefiniert geblieben ist, denn die Wurzeln des Punks gehen tiefer und viel weiter zurück, als die meisten sich vorstellen können.

Wenn man zwei Jahrzehnten zurück blickt, ist es schwer, eine Analyse der Effekte, die allein schon Punk Rock auf die Popmusik gehabt hat, zu finden. Noch viel seltener sind Essays über die emotionalen und intellektuellen Tiefen, die verborgen hinter den vordergründigen Modeaussagen liegen. Das sind meine Beweggründe, dieses hier zu schreiben. Wenn mein Versuch die Puristen provoziert, die Geheimhaltung einer geschlossenen Gesellschaft zusammenbrechen lässt, Vertrauen in kritisches Nachfragen stärkt, zu stärkerem Nachdenken anregt und Ironie entschlüsselt, dann ist mein Job getan und diejenigen, die einen Affront wittern, erkennen vielleicht die Trivialität ihrer Position. Ich kann nur meine Beobachtungen einer Subkultur vermitteln, die mittlerweile globalen Maßstab erreicht hat, und deren Gemeinsamkeiten überall auf der Welt vorhanden sind, wie ich auf meinen Reisen feststellen konnte.

Gemeinsames Gedankengut bestimmt die Ideologie, die Menschen in einer Gemeinschaft verbindet. Unter Punkern gibt es das Verlangen, eine Gemeinschaft zu bilden. Eine solche sollte jedoch den Grundfesten der Punk-Ideologie und ihren Ursprüngen Rechnung tragen. Das derzeitige Punk-Vorurteil ist geprägt durch Massen-Marketing und eine unglückliche Betonung von Optik gegenüber Substanz.
Wenn diese Verzerrung an der ursprünglichen Bedeutung, punk zu sein, auch nichts ändert, so verwirrt sie dennoch die neuen Punk-Generationen, die zwar wissen, dass sie punk sind, nicht aber warum. Der Weg zu beschreiben, was es bedeutet, punk zu sein, ist lang. Dieser Essay ist Teil des Prozesses.

Punker sind keine Monster

Punk ist eine Reflektion dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Was unterscheidet uns von anderen Tieren? Unsere Möglichkeit, uns selbst zu erkennen, und unserer genetischen Einzigartigkeit Ausdruck zu verleihen. Ironischerweise betont die Marketing- und Publicity-Maschinerie die „animalistische“ und „primitive“ Natur der Punker und ihrer Musik.

Sie nimmt an, dass Gewalt ein Hauptbestandteil der Punk-Musik ist, und diese Annahme verselbständigt sich, denn es ist leicht Gewalt zu vermarkten und Geschichten über Gewalt sind immer eine Spalte wert. Diese Fokussierung auf die Gewalt missachtet einen zentralen Aspekt, der das ausmacht, was Punk ist:

PUNK IST: der persönliche Ausdruck von Einzigartigkeit, die der Erfahrung des Aufwachsens mit der menschlichen Fähigkeit zu reflektieren und Fragen zu stellen entspringt.

Gewalt ist weder üblich noch einzigartig im Punk. Wenn sie sich manifestiert, geschieht dieses aufgrund von Dingen, die nichts mit dem Punk-Ideal zu tun haben. Nehmen wir zum Beispiel die übliche Geschichte einer Pausenhofprügelei zwischen einem Punk und einem Star des Fußballteams. Der Fußballer und seine Mitläufer wissen den Punker nicht als richtige Person zu akzeptieren oder zu schätzen. Sie benutzen ihn als Zielscheibe für ihre täglichen Hänseleien und Provokationen, was natürlich nichts mehr als ihre eigene Unsicherheit widerspiegelt. Irgendwann wird es dem Punker zu bunt und er kümmert sich in der Pause um den Fußballer. Der Lehrer wird sich natürlich den Punker schnappen und ihn unter Hinweis auf seinen armseligen Haarschnitt und seine lumpigen Klamotten als gewalttätigen, unkontrollierbaren Taugenichts bestrafen. In der Lokalzeitung steht dann „Prügelei bestätigt, dass Gewalt üblich unter Punkern ist“.

Spontaner Unmut über mangelnde Akzeptanz der eigenen Person ist nichts, was Punkern exklusiv eigen ist. Diese Reaktion wohnt vielmehr dem Menschsein inne, und jeder würde – unabhängig von Zugehörigkeit oder Bindung – mit Unmut reagieren, wenn er sich entwertet und nutzlos vorkommt. Traurigerweise gibt es viele Beispiele über Gewalt unter Punkern. Es gibt auch glänzende Beispiele fehlgeleiteter Leute, die sich Punker nennen. Doch Wut und Gewalt sind keine Punk-Eigenschaften. In der Tat haben sie nicht einmal Platz im Punk-Ideal. Wut und Gewalt ist nicht der Klebstoff, der die Punk-Gemeinschaft zusammenhält.

In der Einzigartigkeit liegt die Stärke der Menschheit

Punk ist wie unser genetisches Gerüst. Das menschliche Genom umfasst ungefähr 80.000 Gene, und etwa 6 Milliarden Menschen tragen dieses Gerüst in sich. Die Möglichkeit, dass zwei Menschen das selbe Genom besitzen, ist so klein, dass man es sich kaum vorstellen kann. (Die Wahrscheinlichkeit beträgt 1 zu 2 mal 80.000 mal der Anzahl der möglichen Menschen, die man in seinem gesamten Leben treffen kann! Eine praktische Unmöglichkeit)

Die Gene, die wir tragen, bestimmen ganz fundamental unser Verhalten und unser Leben. Wir besitzen das Geschenk der Einzigartigkeit, denn niemand sonst hat eine auf den selben Genen beruhende Weltsicht. Selbstverständlich spielen kulturelle Faktoren die andere Hauptrolle, und diese können einen Effekt der Homogenisierung in Bezug auf Verhalten und Weltsicht haben.

So kann eine komplette Arbeiterstadt 15.000 Einwohner haben, die alle mit den gleichen Idealen erzogen worden sind, in der selben Fabrik gearbeitet haben, zur selben Schule gegangen sind, in den selben Geschäften einkaufen und die selbe Fußballmannschaft mögen. So, wie ihre Kinder aufwachsen, gibt es ein fortwährendes Kräftespiel zwischen der gesellschaftlichen Prägung auf der einen Seite und dem genetischen Ausdruck der Einzigartigkeit auf der anderen.

Diejenigen, die den Kontakt zu ihrer Natur verlieren, werden zu Robotern der Gesellschaft, während diejenigen, die sich ihrer sozialen Rolle verweigern, heimatlose Tiere werden. Punk steht für das Verlangen, den Weg zwischen diesen beiden Extremen mit meisterlicher Präzision zu gehen. Punker wollen ihrer eigenen einzigartigen Natur Ausdruck verleihen, und dabei die gemeinschaftlichen Aspekte ihrer sie formenden Erziehung verinnerlichen. Ihre soziale Verbindung zur Umwelt basiert auf dem Verlangen, eines jeden einzigartige Weltsicht zu verstehen. Punk-„Szenen“ sind soziale Systeme, in denen solche Sichtweisen akzeptiert, manchmal übernommen, manchmal verschoben aber immer toleriert und respektiert werden.

PUNK IST: eine Bewegung, die sich sozialer Einstellungen erwehrt, die sich durch willentliche Ignoranz der menschlichen Natur eingestellt haben.

Da er auf Toleranz baut und Ablehnung meidet, ist Punk offen für alle Menschen. Es gibt eine elegante Parallele zwischen der Abhängigkeit des Punk von einzigartigen Sicht- und Verhaltensweisen und unserer eigenen genetischen Bestimmung der Einzigartigkeit.

Der Kampf um Angst und Rationalität

Der Zwang zur Anpassung ist ein mächtiger Faktor zivilisierten Lebens. Einem wird beigebracht, die Sicht der Älteren zu respektieren. Wenn man dann erkennt, dass es sich dabei um dogmatische Meinungen handelt, soll man keinen Aufstand machen, indem man schwierige Fragen stellt. Viele arrangieren sich mit den vorherrschenden Konzepten und behalten ihre eigenen Sichtweisen für sich, was einem vorzeitigen Tod des Individuums gleichkommt. Unsere Spezies hat die seltene Gabe, sich zu erkennen und auszudrücken. Dieses biologische Potenzial nicht in die Tat umzusetzen, trägt dem natürlichen Selektionsprozess keine Rechnung, der das Potenzial ja überhaupt erst geschaffen hat. Diese Zurückhaltung geht immer mit Versagensangst einher. Man kann sich leicht vorstellen, dass die Möglichkeit zu versagen sehr klein ist, wenn man einfach das tut, was alle tun. Rinder und Gänseherden wissen diesen Vorteil wahrscheinlich zu schätzen. Die Menschheit könnte aufgrund einer solchen Mentalität jedoch in Gänze versagen. Denken und Handeln gegen Zeitgeist und öffentliche Strömungen ist entscheidend für den menschlichen Fortschritt und eine grundlegende Manifestation des Punk. Wenn ein Gegenstand oder Phänomen als wahr gilt, nur weil andere Menschen es sagen, ist es die Aufgabe eines Punkers, eine bessere Lösung oder zumindest eine unabhängige Variable zu finden, die die anerkannte Sichtweise untermauert (Manchmal ist die gängige Meinung nur eine Reflexion der menschlichen Natur, Punker bestreiten das nicht).

Diese Fähigkeit, gegen den Strom zu schwimmen, war schon immer treibende Kraft der größten Fortschritte der Menschheit. Die gesamte Epoche der Aufklärung war charakterisiert durch Ideen, die das damalige Dogma in Frage stellten, die Wahrheiten der Natur und der menschlichen Existenz feststellten, die jeder beobachten konnte, und die noch heute mit uns sind.

Galileo bekämpfte die Kirche, diese gewann den Kampf, indem sie ihn ins Gefängnis steckte, verlor letztendlich aber doch; heute glauben nur noch wenige, dass sich die Sonne um die Erde dreht, und deshalb hat Gott die Erde auch nicht als Zentrum des Universums geschaffen. Francis Bacon lehrte, dass Schicksal gleich Verstehen sei. Wenn wir uns diesem fundamentalen Prinzip, was es heißt, Mensch zu sein, verweigern, so Bacon, steigen wir herab in die Untiefen der Barberei.

Charles Darwin schrieb die Evolutionstheorie nach dem Höhepunkt der Aufklärung und war dennoch von dieser Tradition direkt beeinflusst. Geschult in der Theologie trieb ihn der Wille, die grundlegende Ordnung, die alle biologischen Spezies verbindet, zu verstehen. Seine Sicht stellte viele Bekenntnisse der Bibel in Frage und bestach durch eine solide Logik. Getrieben von einem offenen und lernbewussten Geist, verbesserte er die Menschheit durch die Schaffung eines neuen Wissensmaßstabes.

Das Dogma der Kirche wurde weiter marginalisiert. Die Furcht vor kirchlichen Konsequenzen war überschattet von der Welle des Verständnisses, auf die seine Sichtweise bei den Leuten stieß, und von der Wahrheit seiner Beobachtungen.

Der moderne Punk-Gedankenprozess, motiviert von dem Willen zu verstehen, steht absolut in der Tradition der Aufklärung. Die Tatsache, dass es so viele historische Beispiele gibt, die einen Willen dokumentieren, Dogmen zu zerschmettern, führt zu einem zentralen Bekenntnis: dass Originalität ein natürlicher Zug zivilisierter Menschen ist. Die Tatsache, dass Einzigartigkeit so selten anzutreffen ist, zeigt, dass eine gleichwertige Kraft unserer menschlichen Natur entgegenwirkt: Furcht.

PUNK IST: ein Verstehensprozess aus gleichzeitiger Hingabe und Infragestellung, der zum persönlichen Fortschritt führt, und durch Extrapolation zu sozialem Fortschritt führen kann.

Wenn sich genügend Menschen frei und ermutigt fühlen, ihre Fähigkeiten zu beobachten und zu urteilen anzuwenden, werden große Wahrheiten enthüllt werden. Diese Wahrheiten werden nicht zur Kenntnis genommen und akzeptiert werden, weil ein totalitäres Element sie einführt, sondern weil jeder die gleiche Erfahrung bei der Beobachtung macht. Die Tatsache, dass Punker bei vorurteilsbelasteten Themen zueinander finden können, beruht auf einer gemeinsamen Erfahrung, von Menschen abgewiesen zu werden, die sie nicht um sich haben wollen. Jeder hat seine eigenen Erfahrungen mit Ausschluss gemacht, und jeder kann mit des anderen Geschichte der Verfremdung etwas anfangen, ohne sich an einen bestimmten Verhaltenscode gebunden zu fühlen.

Die Wahrheit des Vorurteils leitet sich von einer gemeinsamen Erfahrung ab, nicht von einer Formel oder Institution, mit der Punker auskommen müssen. Sie lernen aus dieser Erfahrung, dass Vorurteile falsch sind. Das ist ein Prinzip, nach dem sie leben, und das sie aus keinem Schulbuch haben. Ohne den Trieb zu verstehen und bestehenden Glauben zu provozieren, bleibt die Wahrheit hinter Kontrolle, Inaktivität und verschriebenen Ideologien verhüllt.

Was ist Wahrheit?

Philosophen unterscheiden zwischen „groß-„ und „kleingeschriebener“ Wahrheit. (Diese Übersetzung macht im amerikanischen Original mehr Sinn. Dort heißt es: “Philosophers distinguish between capital ‘T’ truth and truth with a small ‘t’.” Anmerkung des Übersetzers) Punker erkennen eine „großgeschriebene“ Wahrheit nicht an.

“Großgeschriebene” Wahrheit nimmt an, dass es eine durch ein transzendentes Wesen gegebene Ordnung gibt. In anderen Worten: Wahrheit entstammt dem Plan Gottes, der für alles einen Plan hatte, als er das Universum schuf.

“Kleingeschriebene” Wahrheit ist das, was jeder für sich selbst herausfinden kann, und worauf wir uns alle durch ähnliche Erfahrungen und Beobachtungen der Welt einigen können. Sie ist auch bekannt als „objektive“ Wahrheit, entspringt unserem Inneren und offenbart sich hier auf dieser Erde, im Gegensatz zur „großgeschriebenen“, der von Außen, auf uns projizierten Wahrheit, die dafür da ist, dass wir uns nach ihr richten. Moral braucht man sich nicht als alleiniges Produkt „großgeschriebener“ Wahrheit vorzustellen. Objektive Wahrheit führt automatisch zu moralischen, selbstbewussten Handlungsweisen.

PUNK IST: ein Glaube, dass die Welt das ist, was wir aus ihr machen. Wahrheit entspringt unserem Verständnis, wie die Dinge sind, nicht dem blindem Gehorsam von Vorgaben, wie sie sein soll.

Die Abhängigkeit des Punk von objektiver Wahrheit resultiert aus der gemeinsamen Erfahrung, wie es ist, gegen den Strom zu schwimmen. Jeder, der einmal aus der Masse herausstach, kennt die Wahrheit dieser Erfahrung. Niemand hat dieses Gefühl, anders zu sein, jemals definieren müssen. Die Wahrheit ist einfach genug und kann von jedem, der diese Erfahrung gemacht hat, nachvollzogen werden.

Was ist Furcht?

Fürchte, die Menschen zur Konformität bringen, haben uns düstere Perioden in der Menschheitsgeschichte beschert. Das sogenannte Dunkle Zeitalter war ruhig und unaufmüpfig aber auch traurig betäubt und fatalistisch, ohne dass man gegensätzliche Sichtweisen gefunden hätte. Der pseudokomfortablen Ruhe, die die Menschen des Dunklen Zeitalters durch Anpassung an eine rigide erzwungene Bürokratie der Könige und der Kirche erfuhren, stand das Elend entgegen, das sie Tag für Tag erleiden mussten. Das Leben ist leicht als Bauer. Kein Ziel, kein Zweck, nur Waren und Nachkommen zum Dienste des Königs herzustellen. Furcht zur Kontrolle der Bauern einzusetzen ist natürlich nur eine vordergründige faule Ausrede, denn Bauern haben trotzdem die gleichen mentalen Voraussetzungen wie die Mitglieder der Königshäuser.

Die tief verwurzelten biologischen Züge der Selbsterkenntnis und des Verlangens, dem Selbst Ausdruck zu verleihen, lassen sich nicht lang unterdrücken. Vielleicht erkennen die Bauern, dass ein Leben ohne den Gebrauch der Vernunft so viel wert ist, wie das eines der Tiere, die sie hüten. Durch Furcht kontrolliert zu sein ist wie biologisch träge zu sein, unfähig im menschlichen Drama eine Rolle zu spielen, nur mehr vor sich hin zu leben, bis die Zeit abgelaufen ist. Furcht, die menschliches Verhalten kontrolliert, wird erlernt. Sie unterscheidet sich von der intuitiven, renn-weg-vor-dem-unangenehmen-Stimulus-Antwort, die andere Kreaturen zum Überleben anwenden. Auch wir haben motorische Reflexe, doch Versagensangst und Furcht, sich vor anderen auszudrücken, entspringen dem limbischen System.

Das limbische System ist ein Neuronennetzwerk in unserem Gehirn, das unser emotionales Verhalten steuert. Es verbindet zwei Teile unseres Gehirns: das Mittelhirn, in dem Sinneswahrnehmungen versandt werden (z.B. optische und akustische Stimuli), und das Großhirn, wo diese Informationen verarbeitet werden. Obwohl das Großhirn schon seit mindestens 480 Millionen Jahren existiert (es war schon bei den frühesten Vertebraten vorhanden), entwickelte es am Vorabend der Menschheit spezielle Funktionen.

Ein spezialisierter Teil des Großhirns, die Großhirnrinde, ist beim Menschen hochentwickelt. 95% der Großhirnrinde sind zuständig für assoziative Gehirnaktivitäten wie nachdenken und planen. Die restlichen 5% sind zuständig für die Verarbeitung motorischer Informationen und von Sinneswahrnehmungen.

Ein Vergleich: Bei Mäusen (die den höher entwickelten Vertebraten angehören) sind nur 5% der Großhirnrinde zuständig für assoziative Funktionen, während 95% motorische und sinneseindruckverarbeitende Funktionen haben.

Das hochentwickelte limbische System bildet den Kern dessen, was es bedeutet, Mensch zu sein. Wir unterscheiden uns von anderen Tieren im zeitlichen Umfang, indem wir planen, nachdenken und uns selbst ausdrücken. Unser limbisches System ist sehr mächtig. Es kann primitive Emotionen überstimmen und tiefes Verlangen unterdrücken. Alle, die mit Freunden einen traurigen Film gesehen haben, und willentlich ihre Tränen zurück hielten, um vor den anderen nicht zu weinen, haben das limbische System angewandt. Sie berücksichtigten die Reaktionen der Freunde auf das Weinen und schalteten die emotionalen Kaskaden ab, die die Tränen hervorgebracht hätten.

Genau wie Rationalität ist auch Furcht ein Produkt des limbischen Systems. Furcht ist normalerweise ein rationales Verhalten, das auf irrationalen Gedanken beruht, und sie kann die Leistung des Großhirns einschränken oder gar einfrieren. Ablehnung und Furcht gehen Hand in Hand und beide sind ein Beispiel dafür, wie unser limbisches System offensichtliche Stimuli unterdrücken und Verhalten, das sicher und konform erscheint, fördern kann.

Das limbische System ist in dem Sinn wie jedes andere Organ, da es unbewusst schädliche Resultate herbeiführen kann. Körperbewusstsein führt im Großen und Ganzen zu Gesundheit, doch dafür braucht das limbische System permanente Aufmerksamkeit. Um Furcht zu überwinden, muss man mit seinem limbischen System in Verbindung stehen, und bemerken, wenn es das Offensichtliche unterdrückt.

Etikette und “Nett sein” sind Formen der Unterdrückung im limbischen System, manchmal notwendig, aber absolut kontraproduktiv für die Individualität. Lügen stellen die ultimative Form limbischer Repression dar. Sie sind das Abstreiten des Offensichtlichen. Menschen, die authentisch und vertrauensvoll die Wahrheit sagen, haben gelernt, ihr limbisches System zu beherrschen. Sie erkennen das Verlangen zu lügen, sehen aber keinen rationalen Nutzen in der Lüge. Lügner hingegen sind Sklaven ihres limbischen Systems, haben die Verbindung zu ihren grundlegendsten mentalen Möglichkeiten verloren. Ihr Verhalten ist wechselhaft und von einem Schutz umgeben, denn sie lassen ihr fehlerbehaftetes Urteilsvermögen ihr gesamtes Auftreten bestimmen, um das Offensichtliche zu vertuschen. Eventuell müssen sie die Wahrheit irgendwann akzeptieren und sich die Niederlage eingestehen, doch nur, nachdem jeder mögliche Ausweg des Selbstbetrugs und der verdrehten Logik ausprobiert wurde, im Interesse, die eigene Angst zu verstecken.

Politiker, Verkäufer, Geschäftsführer und Richter sind Meister der verdrehten Logik und der Verbreitung von Furcht. Sie bilden gute intellektuelle Zielscheiben für Punker, denn sie respektieren Menschen nicht, die gelernt haben, ihr limbisches System zu beherrschen. Und Punker haben keine Angst, mit dem Finger auf das Offensichtliche zu zeigen, auch wenn das bedeutet, dass ihr sozialer Status in Mitleidenschaft gezogen wird.

PUNK IST: der permanente Kampf gegen die Angst vor sozialen Sanktionen.

Die Punk-Bewegung

Ich habe versucht, einige der Faktoren aufzuzählen, die Punk im kulturellen Sinn eine Bewegung machen. Das typische Bild eines einfältigen, randalierenden, zerstörenden, stehelenden, kämpfenden oder für eine leere, undurchdachte Sache streitenden Rowdys ist nicht mehr punk, als das hübsch-gesichtige-aber-hohl-köpfige Bild der heutigen Popstars.

Da es den Plattenfirmen so einfach ist, Bilder von Gewalt, Sex und Selbstbehauptung zu verkaufen, haben viele Bands sich entschieden, sich als Punker darzustellen, ohne zu realisieren, dass sie eigentlich nur ein Klischee am Leben halten, das absolut nicht punk ist.

Die “Spring-auf-Einstellung“ resultiert gewöhnlich in einer Gruppe schwacher Individuen, die glauben, ihre Stärke liege in der großen Anzahl gleichgesinnter Klone, die sie um sich geschart haben. In der Anzahl aber liegt keine Stärke, wenn die Leute durch ein kurzsichtiges, sich selbst dienendes, Angst-induziertes Mantra zusammengeschweißt bleiben, das letztendlich doch wieder nur in Abgrenzung resultiert.

Starke Ideologien brauchen keinen folgenden Mob, sie wiederstehen dem Zahn der Zeit, denn sie sind auf intime Weise mit unserer Biologie verbunden. Sie sind ein Teil dessen, was es bedeutet, Homo Sapiens zu sein. Punk ist eine solche Tradition. Sie ist eine Bewegung epischer Proportionen, die das kurzlebige Hier-und-Jetzt transzendiert, und dieses tun wird, solange Menschen diese Erde bewohnen.

Die Ära des enthusiastischen Siegeszuges der Kultur ist auch die Zeit der Punker. Das Internet hat es den Menschen wiedereinmal ermöglicht, direkt zu kommunizieren. Im World Wide Web ist das menschliche Verhalten wieder so interaktiv wie am Advent der Massenmedien.

Im Gegensatz zum klassischen Verhalten des 20. Jahrhunderts, als Abgrenzung und das sich-richten nach vorgegebenen Regeln Akzeptanz ausmachten, lassen sich die Menschen wieder auf ideologische Diskussionen ein. Die Lügen und Mysterien des Elitären werden rasch verschwinden, wenn der weltweite Austausch, der das Web lebendig macht, in das Leben immer mehrer Leute vordringt.

Die Weltbevölkerung wird empfänglicher sein für alternative Ideologien, denn sie wird es selber sein, die sie schafft. Die Menschen werden weniger empfänglich sein für die Ideologien der nicht mehr zeitgemäßen Institutionen, denn ihre Lücken und Logik-Aussetzer werden verstärkt wahrgenommen, wenn sie sofort nach bekannt werden um die Welt geschickt werden.

Die “Stärke-im-Verstehen”- und „Wissen-ist-Macht“-Ethik, die der Punk jetzt schon pflegt, wird zur Norm werden. Die Inflexibilität, das Animalische und die Wertlosigkeit geheimer Agenden wird offensichtlich gemacht werden und den Weg zur wahren Würdigung menschlicher Einzigartigkeit und zu einer Ära der Originalität ebnen.

Wer ist punk?

Jeder hat das Potenzial, punk zu sein. Es ist jedoch viel schwerer für solche, die aus einer herausforderungslosen, die Natur ignorierenden Erziehung kommen, da sie den Wert nicht sehen, der im Infragestellen oder Provozieren der Institutionen liegt, der sie die eigene Betäubung zu verdanken haben. Solche Beispiele unbehüteter Existenzen sind jedoch selten in der heutigen, zusammenrückenden Welt.

Ewige Fragen brennen auf der Seele der meisten Menschen. Was es bedeutet, Mensch zu sein, wird indes jedes Jahrzehnt klarer. Manchmal werden Menschen dazu verleitet, den sicheren Pfad ins frühe Grab durch gebetsmühlenartiges Wiederholen des Dogmas einer verängstigten Aristokratie zu gehen.

Andererseits ist der menschliche Geist schwer unterzukriegen. Punk ist ein Mikrokosmos menschlichen Geistes. Punker gehen ihren Weg mit Köpfchen, keinen Weg der Faust. Sie dienen dem gesellschaftlichen Fortschritt durch ihre Vielfalt, nicht durch Konformität. Sie motivieren andere indem sie ihnen das Gefühl geben, willkommen zu sein, nicht dominiert zu werden.

Punker stehen für eine menschlichere Zukunft ein und tragen letztendlich dazu bei, den Zustand der menschlichen Rasse zu verbessern. Sie stehen zu ungeschriebenen universellen Prinzipien menschlicher Emotion und verweigern sich elitären Verhaltensregeln oder geheimen Agenden einer geschlossenen Gesellschaft. Sie personifizieren die Hoffnung auf eine strahlende Zukunft und offenbaren die Fehler der Vergangenheit. Sag Ihnen nicht, was zu tun ist. Der Punk ist bereits eine führende Bewegung.

PUNK IST: der persönliche Ausdruck von Einzigartigkeit, die der Erfahrung des Aufwachsens mit der menschlichen Fähigkeit zu reflektieren und Fragen zu stellen entspringt.

PUNK IST: eine Bewegung, die sich sozialer Einstellungen erwehrt, die sich durch willentliche Ignoranz der menschlichen Natur eingestellt haben.

PUNK IST: ein Verstehensprozess aus gleichzeitiger Hingabe und Infragestellung, der zum persönlichen Fortschritt führt, und, durch Extrapolation, zu sozialem Fortschritt führen kann.

PUNK IST: ein Glaube, dass die Welt das ist, was wir aus ihr machen. Wahrheit entspringt unserem Verständnis, wie die Dinge sind, nicht dem blindem Gehorsam von Vorgaben, wie sie  sein soll.

PUNK IST: der permanente Kampf gegen die Angst vor sozialen Sanktionen.

Greg Graffin ist Sänger der kalifornischen Punk-Band Bad Religion, die seit nunmehr 23 Jahren existiert. Der Essay heißt im Original "A Punk Manifesto". Übersetzung aus dem amerikanischen: Haiko Lietz, im Februar 2003

(c) Greg Graffin 2002.